Pressestimmen

Merkel-Brötchen statt Schröder-Schrippe

Für Bäcker Hans Leib aus Falkensee hat der Regierungswechsel wenig verändert

FALKENSEE Gerhard Schröder hat Hans Leib keinen Brief geschrieben. Kein »Danke für die schönen Schrippen, bitte liefern Sie in Zukunft zu Gasprom nach Moskau«. Auch Angela Merkel hat die Brötchenfrage nicht zur Chefsache gemacht. Der Vertrag, den das Falkenseer »Backhaus« in der Bahnhofstraße mit der Kantine des Kanzleramts hat, überdauerte den Regierungswechsel. Und so kommen jetzt auch die Konservativen in den Genuss der Bio-Backwaren aus dem Havelland. Die ganz große Koalition der Geschmacksnerven. Gewürzt mit reichlich Ironie der Geschichte:

1978 gründete Hans Leib, nach West-Berlin entflohener Bäckermeisterssohn aus Gießen, mit ein paar Mitstreitern das erste Vollkornbäckerei-Kollektiv in Berlin-Charlottenburg. Linkes Milieu, wie es dinkelkerniger nicht sein konnte. Später, als die Landeszentrale der Grünen in ihre Nähe zog, schauten Renate Künast und Otto Schily vorbei. Letzterer immer am Sonnabend, kurz vor Ladenschluss. Und jetzt eben Merkel. Oder zumindest ihre Staatsminister, denn die obersten Chefs kommen selten in die Kantine. Christina Weiss und Frank-Walter Steinmeier aus der alten Riege wurden dort allerdings regelmäßig gesehen, Bernd Neumann und Thomas de Maizière aus der neuen Regierungsmannschaft auch.

»Wir backen natürlich kein politisches Brot«, sagt Leib. »Für uns ist es ja wichtig, dass alle Leute Biobrot essen.« Über einen kann sich der 63-Jährige dennoch aufregen: Den CSU-Mann Horst Seehofer, der Leibs alte Kundin und Parteifreundin Künast im Umweltministerium ablöste. »Seine Gentechnik-Pläne sind für uns alles andere als schön.« Schön ist für Leib allerdings die Entwicklung seiner Firma: Zwölf bis 15 Prozent Wachstum im soeben zu Ende gegangenen Jahr 2005 kann das Falkenseer »Backhaus« vorweisen und 75 Mitarbeiter. Eine Falkenseer Erfolgsgeschichte – 2006 im zehnten Jahr. Da ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Frau Merkel Herrn Seehofer am Kabinettstisch ein Biobrötchen zusteckt.

MÄRKISCHE ALLGEMEINE, 3. JANUAR 2006