Märkische Allgemeine, 2006

Biologisches für die Hauptstadt

Ökolandbaubranche hofft auf Förderung / Woidke in Falkenseer Firma

FALKENSEE Warum gibt es in Berliner Supermärkten oft kein Biogemüse von Brandenburger Feldern? An der Suche nach einer Antwort auf diese Frage und Möglichkeiten, den Vertrieb märkischer Produkte zu verbessern, hat sich gestern in Berlin und in Falkensee Agrar- und Umweltminister Dietmar Woidke (SPD) beteiligt. Gemeinsam mit Vertretern der Fördergemeinschaft Ökologischer Landau Berlin-Brandenburg besuchte er das Biobackhaus, in dem jede Nacht rund 3000 Brote, bis zu 15 000 Brötchen und 5000 Stück Kuchen entstehen. Was ist daran biologisch? »Wir verwenden ausschließlich Biogetreide, setzen Biohefe zu und süßen nicht mit weißem Zucker, sondern zum Beispiel mit Honig oder Rohrzucker«, sagt Inhaber Hans Leib.

Ökobauern bewirtschaften in Brandenburg zurzeit rund zehn Prozent der Agrarfläche, der Anteil märkischer Produkte auf dem wichtigen, seit Jahren expandierenden Berliner Bio-Markt liegt bei rund 20 Prozent. Die Nachfrage steigt weiter. Minister Woidke ist mit dieser Situation zwar zufrieden: »Wenn wir das in anderen Branchen hätten, wären wir froh.« Er sagt aber auch, dass »die Defizite Arbeitsplätze kosten«. Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft ökologischer Landbau, spricht trotzdem von einer »Wachstumsbranche mit einer stabilen Entwicklung«. Die aber müsse politisch unterstützt werden. Es geht um viel Geld: Am Jahresende läuft in der Europäischen Union die aktuelle Förderperiode ab, in Ministerien und EU-Kommission wird über Schwerpunkte für die neue Periode von 2007 bis 2013 beraten. Verbunden damit sind auch Entscheidungen für den ökologischen Landbau – Wimmer hofft, dass sie positiv ausfallen und spricht von einer »ganz neuen Botschaft: Ökolandbau bietet beste Voraussetzungen, grenzübergreifende Arbeitsplätze im ländlichen Raum zu schaffen.« Doch auch er verhehlt nicht, dass sich die Biobranche aus verarbeitenden Betrieben, Groß- und Einzelhändlern überlegen muss, »was sie verbessern kann und welche Initiativen sie ergreifen muss«.

Wie groß das Interesse an biologischen Produkten mittlerweile auch in Brandenburg ist, erlebt Hans Leib jeden Tag. Von seinen neun festen Filialen (sieben in Berlin, je eine in Falkensee und Potsdam), ist der Falkenseer Laden derzeit der erfolgreichste. 2007, wenn das Biobackhaus in der Gartenstadt zehntes Jubiläum feiert, soll die Firma vergrößert werden. Leib: »Es wird zu eng, die Bedürfnisse steigen.«

Kostprobe beim Zwischenstopp in Falkensee: Minister Woidke, Bio-Backhaus-Inhaber Hans Leib und Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergesellschaft ökologischer Landbau


Kostprobe beim Zwischenstopp in Falkensee:
Minister Woidke,
Bio-Backhaus-Inhaber Hans Leib und Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergesellschaft ökologischer Landbau (v.l.).
Foto: MAZ/Kuschel

 

STEFAN KUSCHEL, MÄRKISCHE ALLGEMEINE, 3. November 2006

Landrat am Sauerteig

Burkhard Schröder besuchte Hans Leibs Biobackhaus

FALKENSEE Es passierte auf der Grünen Woche in Berlin. Dort hatte Hans Leib, Inhaber des Biobackhauses an der Bahnhofstraße, den Landrat des Havellandes, Burkhard Schröder, in seinen Betrieb in Falkensee eingeladen. Donnerstagabend war es soweit: Der Kreisverwaltungschef kam zu Besuch und traf um 21 Uhr ein. Grund für den späten Termin: Er interessierte sich für die Arbeitsabläufe im sechstgrößten Biobackhaus Deutschlands, die täglich um 19.30 Uhr beginnen.

Das Biobackhaus, das auch das Bundeskanzleramt beliefert, besitzt acht Filialen und sieben Marktstände in Berlin und Brandenburg. Es verzeichnet einen Jahresumsatz von vier Millionen Euro. Insgesamt sind in der Bäckerei und in den Läden knapp 80 Mitarbeiter beschäftigt, 30 davon in Falkensee. 600 Tonnen Getreide werden im Jahr verarbeitet. Die Zutaten kommen zu 90 Prozent aus dem Land Brandenburg. Sie stammen ausschließlich aus kontrolliert ökologischem Anbau. Pro Tag werden durchschnittlich mehr als 3000 Brote und 11 000 Brötchen verkauft. Gebacken wird alles in Falkensee.

Die Bäcker des Backhauses hatten alle Hände voll zu tun und mussten immer wieder die Gäste in den weißen Besucherkitteln aus dem Weg bitten, um riesige Brotregale auf Rollen durch die Hallen zu schieben. Auffallend freundlich begegneten sie dem ungewohnten Treiben an ihrem Arbeitsplatz. »Das ist ja alles noch Handarbeit, was Sie hier machen«, rief Burkhard Schröder ihnen begeistert zu. Der Landrat interessierte sich für die Herstellung von Blätterteig und beobachte ein paar Minuten gebannt die Blasenbildung im Sauerteig. Er ließ sich den Etagenofen für bis zu 500 Brote zeigen und stand staunend neben einem Bäcker, der in zackigen Bewegungen 1500 Brote pro Stunde in Kürbiskernen zu wälzen und in Backformen zu werfen versteht. Das erste Backhaus von Hans Leib stand 1980 in Berlin-Wilmersdorf. 1992 kaufte Leib den Betriebsteil Falkensee des Backkombinates Nauen. »Es hatte den Namen 1. Mai«, begeistert er sich noch heute für die Geschichte seiner Bäckerei, in der nun ökologisch produziert wird. Seit 2001 trägt die Bäckerei ihren heutigen Namen Biobackhaus. Hans Leib ist Bäcker und Ingenieur für Lebensmitteltechnologie. Er besitzt eine große Leidenschaft für den guten Geschmack und nimmt dafür lieber umständlichere Produktionen in Kauf.

So haben die Knackfrisch-Brötchen nur ein Prozent Hefe im Teig. Die Zeit zum Gehen lässt man ihnen. Eine ganze Nacht brauchen sie dafür. »Die sind der Renner, 5000 davon verkaufen wir jeden Tag«, sagt Leib. Dem Landrat, der in Finkenkrug wohnt, hat der Besuch im Biobackhaus Appetit gemacht. Er hat sich vorgenommen, seine Sonntagsbrötchen in Zukunft auch hier zu kaufen.

 

 

STEPHANIE REISINGER, MÄRKISCHE ALLGEMEINE, 20. MAI 2006

Merkel-Brötchen statt Schröder-Schrippe

Für Bäcker Hans Leib aus Falkensee hat der Regierungswechsel wenig verändert

FALKENSEE Gerhard Schröder hat Hans Leib keinen Brief geschrieben. Kein »Danke für die schönen Schrippen, bitte liefern Sie in Zukunft zu Gasprom nach Moskau«. Auch Angela Merkel hat die Brötchenfrage nicht zur Chefsache gemacht. Der Vertrag, den das Falkenseer »Backhaus« in der Bahnhofstraße mit der Kantine des Kanzleramts hat, überdauerte den Regierungswechsel. Und so kommen jetzt auch die Konservativen in den Genuss der Bio-Backwaren aus dem Havelland. Die ganz große Koalition der Geschmacksnerven. Gewürzt mit reichlich Ironie der Geschichte:

1978 gründete Hans Leib, nach West-Berlin entflohener Bäckermeisterssohn aus Gießen, mit ein paar Mitstreitern das erste Vollkornbäckerei-Kollektiv in Berlin-Charlottenburg. Linkes Milieu, wie es dinkelkerniger nicht sein konnte. Später, als die Landeszentrale der Grünen in ihre Nähe zog, schauten Renate Künast und Otto Schily vorbei. Letzterer immer am Sonnabend, kurz vor Ladenschluss. Und jetzt eben Merkel. Oder zumindest ihre Staatsminister, denn die obersten Chefs kommen selten in die Kantine. Christina Weiss und Frank-Walter Steinmeier aus der alten Riege wurden dort allerdings regelmäßig gesehen, Bernd Neumann und Thomas de Maizière aus der neuen Regierungsmannschaft auch.

»Wir backen natürlich kein politisches Brot«, sagt Leib. »Für uns ist es ja wichtig, dass alle Leute Biobrot essen.« Über einen kann sich der 63-Jährige dennoch aufregen: Den CSU-Mann Horst Seehofer, der Leibs alte Kundin und Parteifreundin Künast im Umweltministerium ablöste. »Seine Gentechnik-Pläne sind für uns alles andere als schön.« Schön ist für Leib allerdings die Entwicklung seiner Firma: Zwölf bis 15 Prozent Wachstum im soeben zu Ende gegangenen Jahr 2005 kann das Falkenseer »Backhaus« vorweisen und 75 Mitarbeiter. Eine Falkenseer Erfolgsgeschichte – 2006 im zehnten Jahr. Da ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Frau Merkel Herrn Seehofer am Kabinettstisch ein Biobrötchen zusteckt.

MÄRKISCHE ALLGEMEINE, 3. JANUAR 2006

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